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Was sind Neuroleptika?

Neuroleptika sind in der Psychiatrie häufig eingesetzte Medikamente. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten kritische Stimmen, die diese Medikamente verdammten und ihnen schädliche und zum Teil schreckliche Nebenwirkungen nachsagten.
Möglicherweise wurde in der Vergangenheit im Zusammenhang mit bestimmten wissenschaftlichen Konzepten und praktischen Einschränkungen wie z.B. Personalmangel in den psychiatrischen Kliniken, der Einsatz von neuroleptischen Medikamenten unkritisch durchgeführt.

Bei welcher Diagnose werden Neuroleptika eingesetzt?

Neuroleptika sind bei vielen Diagnosen einsetzbar. Streng angezeigt sind neuroleptische Medikamente bei schizophrenen Psychosen und bei bipolaren Erkrankungen wie schweren manisch-depressiven Zustandsbildern mit Wahn und Halluzination. Sinnvoll ist der Einsatz der Neuroleptika bei sogenannten hirnorganischen Psychosen, also jenen, bei denen eine körperliche Erkrankung zugrunde liegt.

Wie wirken Neuroleptika?

Neuroleptika hemmen die Übertragung von Signalen im Zentralnervensystem. Zwischen 5 und 10 Milliarden Ganglienzellen kooperieren im Zentralnervensystem. Die Reizübertragung zwischen den Nervenzellen geschieht über sogenannte Botenstoffe, z.B. Dopamin. Eine Hemmung der Reizübertragung wird dadurch bewirkt, dass die das Signal empfangenden Zellen an den Stellen, an denen die Botenstoffe andocken, blockiert werden.
Während man früher der Meinung war, dass ausschließlich oder überwiegend die Blockade des Botenstoffes Dopamin nützlich und hilfreich sei, besteht heute die Auffassung, dass es sinnvoll ist, auch andere Botenstoffe, z.B. Serotonin zu blockieren.

Muss man sie ein Leben lang nehmen?

Neuroleptika sollten über längere Zeiträume als ein paar Tage genommen werden. Im Falle von schizophrenen Psychosen werden sie zunächst zur Bekämpfung der Symptomatik eingesetzt und sind hier besonders effektiv. Nachdem die akuten Symptome abgeklungen sind, entfalten neuroleptische Medikamente eine prophylaktische Wirkung. Sie sollen die Wiederkehr der Symptome verhindern. Um das zu erreichen, ist der Einsatz der Medikamente mindestens für einige Monate erwünscht und sinnvoll.
Neuroleptika müssen in den meisten Fällen nicht ein Leben lang genommen werden, sondern Wochen, Monate oder schlimmstenfalls Jahre.

Wie erkenne ich eine therapeutische Wirkung?

Die therapeutische Wirksamkeit wurde früher am Auftreten bestimmter Nebenwirkungen ermittelt. Von diesem Verfahren ist man in der Zwischenzeit abgewichen, u.a. weil die neuen Neuroleptika Nebenwirkungen wie früher nicht mehr haben.
Ob das Neuroleptikum also eine Wirkung entfaltet oder nicht, erkennt man z.B. daran, dass die Betroffenen wieder in der Lage sind, sich zu konzentrieren und bestimmte Sachverhalte zu durchdenken. Der Patient erkennt es selbst daran, dass seine Gefühle und Gedanken wieder besser zueinander passen, aber auch daran, dass Halluzinationen z.B. akustischer Art wegbleiben. Unruhe, Getriebenheit und Rastlosigkeit können durch neuroleptische Medikamente wirkungsvoll bekämpft werden.

Was sind atypische Neuroleptika? Warum sind die neuen Medikamente besser als die alten?

Atypische Neuroleptika nennt man die Präparate Leponex, Risperdal, Zyprexa, Seroquel und Solian. Allerdings ist der Name Atypica nicht geschützt oder nicht im engeren Sinne definiert. Er rührt von Leponex her, das als erstes Präparat eine sehr nachhaltige antipsychotische Wirkung entfaltete, während es gleichzeitig keinerlei extrapyramidal-motorische Nebenwirkung hatte.
Die neuen antipsychotischen Medikamente zeichnen sich im allgemeinen dadurch aus, dass sie Symptome der Psychose auf breiter Front bekämpfen, während sie gleichzeitig weniger Nebenwirkungen haben.
Die alten neuroleptischen Medikamente führten vor allen Dingen bei langfristiger Anwendung zum Auftreten sogenannter tardiver Dyskinesien, also einer Häufung unwillkürlicher Bewegungen im Mundbereich, am Körper und/oder den Extremitäten. Solche Nebenwirkungen sind von den neuen Präparaten bisher nicht bekannt, was allerdings zu Teilen daran liegt, dass sie erst kurze Zeit auf dem Markt sind.
Die neuen Präparate sedieren (dämpfen) weniger und scheinen auch weniger zur psychischen Einengung zu führen. Schließlich begünstigen sie wegen dieses Wirkungsprofils die Rehabilitation der Patienten und verschaffen ihm mehr Lebensqualität.

Wie findet man die richtige Dosierung?

Die Dosierung ist absolut individuell. Sie ist von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich. Sie kann z.B. von bestimmten Lebensgewohnheiten wie Kaffee- und Zigarettenkonsum oder biologischen Besonderheiten, z.B. des Stoffwechsels und der Leber, abhängig sein und unterschiedlich höher oder niedriger ausfallen. Zusätzlich kompliziert wird die richtige Dosierung durch die Beachtung psychischer und körperlicher Befindlichkeiten des einzelnen Patienten. Die Standarddosierung gibt es nicht!

Kann man erkennen, ob die Dosierung zu hoch oder zu niedrig ist?

Wiewohl diese Auskünfte insgesamt wenig zufriedenstellend sind, kann es sich trotzdem lohnen, sich die üblichen Dosierungsbereiche der neuroleptischen Medikamente anzuschauen.
Präparate wie z.B. das Risperdal werden üblicherweise zwischen 1 bis 6 mg dosiert. Ein anderes atypisches Neuroleptikum, das Präparat Zyprexa, wird in der Praxis zwischen 5 bis 15 mg dosiert. Eine Überdosierung lässt sich bei den eben genannten Präparaten z.B. an bestimmten Nebenwirkungen des extrapyramidal-motorischen Systems erkennen. Dieser Verbund von Nervenzellen im Gehirn regelt die natürliche Grundspannung der Muskulatur. Auch die Bewegungsabläufe und ihre Koordination werden hier gesteuert.
Kommt es zu einer Überdosierung, kann z.B. die Spannung der Muskulatur angehoben sein; es fehlen natürliche Bewegungen wie spontane Mimik und Gestik. Im schlimmsten Fall kann es zu einem Zungenschlundkrampf oder zu einer Fehlstellung des Kopfes (sogenannter Schiefhals) kommen.
Häufig ist es noch eindrucksvoller, wie sich die Betroffenen psychisch fühlen: Es entsteht ein Gefühl des Eingeengtseins, der fehlenden Möglichkeiten, sich affektiv zu beteiligen. Denkprozesse können verlangsamt sein, Konzentration und Aufmerksamkeit ernsthaft beeinträchtigt.
Aber auch die Unterdosierung kann erhebliche Probleme bereiten. Sie ist relativ einfach daran zu erkennen, dass eine psychotische Symptomatik nicht zurückgeht oder gar wiederkehrt.

Kann ein Betroffener lernen, je nach Befinden seine Dosierung anzupassen?

Die Dosierung eines Neuroleptikums ist Gegenstand der Arzt-Patienten-Gespräche. Der Arzt kann ohne Angaben des Patienten, wie er sich fühlt und wie er das Medikament verträgt, ein Neuroleptikum nicht dosieren.
Der Patient, der längere Zeit Neuroleptika genommen hat, wird in der Lage sein, dem Arzt oder der Ärztin einen entsprechenden Vorschlag zur Dosierung zu machen.

Warum gibt es so viele Neuroleptika?

Es gibt so viele Neuroleptika, weil diese Präparate heute in den führenden Pharmafirmen der Welt regelrecht "designt" werden können und jeweils neue Aspekte der Ursachenlehre der Erkrankung Schizophrenie berücksichtigen.

Wie werden Neuroleptika abgesetzt? ... auf andere umgestellt?

Neuroleptika sollten niemals abrupt abgesetzt, sondern immer ausgeschlichen werden. Ebenso sollte eine Umstellung von Neuroleptikum A auf Neuroleptikum B immer nur die schrittweise Steigerung des einen und das schrittweise Zurückführen des anderen Medikaments bedeuten.
Abruptes Umsetzen oder Beenden der Medikation bringt das Risiko des Wiederaufflackern der bekämpften Symptome sehr stark mit sich.

Können Neuroleptika heilen?

Neuroleptika können zur vollständigen Genesung des Kranken beitragen; insofern sind sie heilsam.

Mit welchen Nebenwirkungen muss man sich abfinden?

Jedes Präparat mit Wirkungen hat Nebenwirkungen, die in hohem Maße individuell sind. In Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt muss das optimale, d.h. das nebenwirkungsärmste Präparat gefunden werden.

Gibt es Spätschäden durch Neuroleptika?

Konventionelle Neuroleptika (z.B. Haloperidol) führen zu Beginn häufiger zu Begleiterscheinungen der Muskeln und Motorik, können auch sedieren (dämpfen) und unangenehme psychische Wirkungen entfalten. Diese Präparate können Spätschäden nach sich ziehen.

Machen Psychopharmaka / Neuroleptika abhängig?

Nein, Neuroleptika machen nie abhängig.

Was bedeutet hoch / niedrigpotentes Neuroleptikum?

Hochpotent heißt ein Neuroleptikum dann, wenn man mit wenigen Milligramm eine gute Wirkung erzielen kann. Niederpotent ist ein Neuroleptikum dann, wenn man mehrere 100 mg braucht, um eine entsprechende antipsychotische Wirkung zu erzielen (z.B. Taxilan).

Gibt es einen Unterschied zwischen Psychopharmaka und Neuroleptika?

Psychopharmaka ist der Überbegriff für Neuroleptika wie Antidepressiva, Tranquilizer und andere Präparate.

Gibt es Unverträglichkeit mit anderen Medikamenten?

Die neuroleptischen Medikamente vertragen sich im allgemeinen recht gut mit anderen Präparaten.

Hat der Konsum von Nikotin eine Wirkung auf Neuroleptika?

Nikotin bekämpft die neuroleptische Wirkung, ebenso Coffein.

Darf man unter Neuroleptika schwanger werden? Alkohol trinken? Auto fahren?

Eine Schwangerschaft unter Neuroleptika ist möglich, ebenso Alkoholkonsum in engen Grenzen. Autofahren ist möglich.

Bei welchen Nebenwirkungen sollte der Arzt informiert werden?

Grundsätzlich sollte der Arzt über jede Nebenwirkung informiert werden.

Machen Neuroleptika impotent?

Neuroleptika können zur erektilen Dysfunktion bei Männern und zum Milchfluss und Störungen der Regelblutungen bei Frauen führen.

Gibt es vorgeschriebene Routineuntersuchungen?

Es gibt Routineuntersuchungen. Sie sollten anfangs in zwei bis vier wöchentlichen Abständen, später dann in größeren Intervallen erfolgen und Blutbild, Leber- und Nierenwerte kontrollieren.


Quelle: Medikamente - Die häufigsten Fragen, die Angehörige psychisch Kranker zu Neuroleptika stellen. Aufklärungsblatt des BApK e.V.

Die Fragen stellten Linde Schmitz-Moormann und Ursel Brand vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. Die Antworten gab Professor Dr. Bernd Eikelmann, Ltd. Arzt der Westf. Klinik für Psychiatrie und Neurologie, Münster



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