Mit Gott - Herbert Grönemeyer

Hör auf mit beten, Mama.
Es ist vollbracht.
Du hast es gewußt.
Dein Junge sitzt endlich mit an der Macht.
Mitten im Kreise der Herren,
gedient wird hier längst nicht mehr.
Man hat sich geschickt abgesetzt.
Das Volk sieht derweil fern.

Wir kontrollieren jeden Sender.
Alles wird vorgedacht.
Erst wenn der Fernseher aufhört zu denken,
tut er was man ihm sagt.
Wir bespitzeln jeden unserer Gegner.
Speichern jedes schwarze Schaf.
Den, der zu dumm ist sich zu vermummen,
kriegen wir umso eher brav.

Mit Gott auf unserer Seite,
Jesus in einem Boot.
Einer ging leider baden,
doch wir warfen ihn noch rechtzeitig über Bord.
Mit Gott auf unserer Seite,
Jesus in einem Boot.
Den Ablaß in unserem Namen.
Das "C" strahlt über uns riesengroß.

Wir nehmen die Lust am demonstrieren.
Machen den Boden unter den Füßen heiß,
damit sich der Letzte seinen Mund verbrennt
und sich auf die Zunge beißt.
Die paar aufrechten Querdenker
in den eigenen Reih'n,
sind gut fürs Gesicht nach außen.
Intern ebnen wir sie ein.

Wir wahren unser Pokerface
nach guter alter Manier.
Gefühle sind Luxus,
weil wir hart sind, sind wir hier.
Wir finden Folter unfein, Mama.
Nichts gegen 'nen kleinen Schreck.
Unsere Freunde, sind's auch Folterknechte,
kriegen immer ihren Scheck.
Wer seinen Nächsten liebt ...

Wir geben uns unverbindlich christlich.
Manche nennen das Blasphemie.
Die Sucht nach Macht schweißt uns zusammen.
Wir schämen uns nie.
Mit den Reichen können wir prächtig.
Die Armen wollen nur an ihr Geld.
Wir schützen und mehren es redlich
und werden wieder gewählt.

Mit Gott ...

Wir wahren unser Pokerface nach guter alter Manier.
Gefühle sind Luxus, weil wir hart sind, sind wir hier.
Wir sind aus Gnade zu spät geboren.
Haben mit Hitler nichts mehr am Hut.
Wir sind Kreuzritter des Fortschritts.
Zuviel Vergangenheit tut nicht gut.
Den Blick nach vorn.

So wahr mir Gott helfe,
hab ich geschworen,
aber der ist eben ab und zu nicht bei mir,
und dann bin ich total verlor'n.
Für dich bin ich der Größte, Mama.
Ich fühl' mich manchmal so klein.
Bin auch nur ein Mensch
und ohne dich so allein.

Mit Gott ...


Sie - Herbert Grönemeyer

Sie sieht in ihm den Filmriss.
Das Leben abrupt gestoppt.
Kann mit niemandem darüber reden.
Das macht sie bekloppt.

Es liegt Ewigkeiten zurück.
Gelähmt, panisch als passiert es ihr jetzt.
Gegenwärtig sein stierer Blick, seine Fäuste.
Widerwärtig sein Atem, gehetzt.

Sie hat versucht den Traum zu reparieren,
sich aus ihm zu befreien.
Sie hat lange verzweifelt gewartet.
Die Jahre zeigen kein Erbarmen.
Das heilt keine Zeit.

Immer auf Scherben laufen.
Schweigen ein zu schweres Gewicht.
Ohnmächtig gegen den Giganten.
Seine Nächsten verrät man nicht.

Die Nacht ist viel zu leise.
Die Seele hämmert so laut.
Die Vergangenheit kommt anfallartig,
gebrochen an dem ekligen Stau.
Sie hat versucht ...


Der goldene Reiter - Joachim Witt

An der Umgehungstraße,
kurz vor den Mauern unserer Stadt
steht eine Nervenklinik,
wie sie noch keiner gesehen hat.

Sie hat ein Fassungsvermögen
sämtlicher Einkaufszentren der Stadt.
Geh'n Dir die Nerven durch,
wirst Du noch verrückter gemacht.

Hey, hey, hey, ich war der goldene Reiter.
Hey, hey, hey, ich bin ein Kind dieser Stadt.
Hey, hey, hey, ich war so hoch auf der Leiter,
doch dann fiel ich ab, doch dann fiel ich ab.

Auf meiner Fahrt in die Klinik
sah ich noch einmal die Lichter der Stadt.
Sie brannten wie Feuer in meinen Augen,
ich fühlte mich einsam und unendlich schlapp.

Hey, hey, hey, ich war der goldene Reiter.
Hey, hey, hey, ich bin ein Kind dieser Stadt.
Hey, hey, hey, ich war so hoch auf der Leiter,
doch dann fiel ich ab, ja dann fiel ich ab.

Sicherheitsnotsignale,
lebensbedrohliche Schizophrenie,
neue Behandlungszentren
bekämpfen die wirklichen Ursachen nie.

Hey, hey, hey, ich war der goldene Reiter.
Hey, hey, hey, ich bin ein Kind dieser Stadt.
Hey, hey, hey, ich war so hoch auf der Leiter,
doch dann fiel ich ab, doch dann fiel ich ab.


Und wenn die ganze Erde bebt - Herman van Veen

Jeden Abend denk’ ich beim Spazierengehn,
warum ist hier draußen kein Mensch zu sehn?
Doch die Nachbarn interessiert kein Abendstern,
alle sehen, wie ein Blick durchs Fenster zeigt, nur fern,
ausgezählt und ausgelaugt und ausgebrannt.
Haus für Haus starrt alles wortlos wie gebannt,
und beweisen die Bilder auch das Gegenteil,
in den Zimmern ist und bleibt die Welt noch heil.

Und wenn die ganze Erde bebt,
das Fernsehvolk bleibt ungerührt,
weil der, der nur am Bildschirm klebt,
die Wirklichkeit nicht mehr spürt.

Jede Wohnung ist ein isolierter Raum,
und durch die vier Wände dringt kaum ein Traum.
Man sieht und sieht, und was man sah,
vergisst man prompt.
Es wird alles aufgesehn,
was auf dem Bildschirm kommt.
Da ist kein Platz mehr für Liebe und Begeisterung,
da stirbt jede Diskussion bei Alt und Jung.
Das einzig Frische hier ist höchstens noch das Bier,
und die Phantasie bleibt draußen vor der Tür.

Und wenn die ganze Erde bebt,
das Fernsehvolk bleibt ungerührt,
weil der, der nur am Bildschirm klebt,
die Wirklichkeit nicht mehr spürt.

Eines Abends kommt das Fernsehpublikum,
ohne dass es etwas merkt, plötzlich um -
nicht durch Langeweile oder Ungeduld,
es wird von einer fremden Macht
ganz einfach eingelullt,
durch gezielte ständige Berieselung.
Mit Pessimismus schwindet schnell der letzte Schwung,
ein Schuss Rassismus, wenn der noch was übriglässt,
ein Schuss Zynismus gibt allen dann den Rest.

Und wenn die ganze Erde bebt,
das Fernsehvolk bleibt ungerührt,
weil der, der nur am Bildschirm klebt,
die Wirklichkeit nicht mehr spürt.


Griff ins Klo - Herman van Veen

Familienbild auf dem Kamin,
in dem ein altes Feuer brennt.
Gesichter ohne Wenn und Aber
und keines, das sich selber kennt.

Lauf so weit Du laufen kannst.
Es liegt nicht an der Gegend,
Es liegt an Dir.

Wieder so ein Morgen:
Du ziehst die Decke weg
und der Himmel bleibt auf Dir kleben.
Der Blick in den Spiegel
ist ein Blick in den Abgrund
und die Frau ist eine Frau fürs Leben.

Wieder so ein Frühstück.
Der Kaffee ist so schwarz
wie die Nacht, die Du immer noch im Mund hast.
Überall kracht es
und es scheppert und es jault,
bis Dir klar wird, dass Du auch noch einen Hund hast.

Dieser Tag, dieser Tag, dieser Tag,
ist wie ein Griff ins Klo.

Dies ist so ein Tag,
an dem man Nulldiäten abbricht,
an den man an die Eltern denkt.
Dies ist so ein Tag,
an dem man ahnungslosen Kindern
abgefahrene Busfahrkarten schenkt.

Lauf so weit Du laufen kannst.
Es liegt nicht an der Gegend,
Es liegt an Dir.

Wieder diese Zeitung:
Alles schwarz auf weiß,
alles voll, keine offenen Stellen.
Fettgedruckte Sparmaßnahmen,
Schießen für den Frieden,
Hunde, die beißen, bellen.

Dieser Tag, dieser Tag, dieser Tag,
ist wie ein Griff ins Klo.


Möglicherweise ein Walzer - Herman van Veen

Möglicherweise ein Irrtum.
Möglicherweise das Glück.
Sicherheitshalber die kleinere Liebe.
Seereise ohne Zurück.

Uns hat es niemals gegeben.
Wir fanden nirgendwo statt.
Dich übermannte ein lauwarmes Leben.
Ich wurde müde und satt.

Möglicherweise ein Walzer.
Möglicherweise ein Blues.
Ewig vertagt - diese Stimme, die sagt:
Wenn Du es tun willst dann tu's.

Dich hab' ich tragen und trösten gewollt.
Du warst die Schönste von allen.
Nie hab ich Dir meine Fragen gestellt.
Du hast mir furchtbar gefallen.

Möglicherweise nur Feigheit.
Möglicherweise Verstand.
All mein Versäumtes, Nichtausgeträumtes,
behältst Du als brennendes Pfand.

Möglicherweise ein Walzer.
Möglicherweise ein Blues.
Ewig vertagt - diese Stimme, die sagt:
Wenn Du es tun willst dann tu's.